Ulrich Kodjo Wendt aus Hamburg ist seit Jahrzehnten ein viel beschäftigter Musiker. Seine Instrumente sind Klavier, Keyboard, Mundharmonika, ein wenig Small Percussion – aber vor allem diatonisches Akkordeon. Er spielt in mehreren Bands sowie Duos, engagiert sich in sozialen Musikprojekten mit Geflüchteten und macht Musik für Filme und in Filmen – wie gerade erst bei „Frau Winkler verlässt das Haus“ von Doris Dörrie. Ebenfalls bekannt ist er für die kongeniale musikalische Livebegleitung von Stummfilmen.
Interview und Text: Imke Staats; Fotos: Dietrich Hecht, Elena Tubaro, Klaas Johnsen, Rafi Barekzai
Zum 100. Geburtstag des Kinos in der Roten Flora in Hamburg, die am 18. September stattfand, konzertierte Ulrich Kodjo Wendt zusammen mit seiner langjährigen Musikpartnerin Anne Wiemann zur Stummfilm-Komödie „Die Kleine vom Varieté“ aus dem Jahr 1926. Im Rahmen des Konzertabends nahm er gern die Gelegenheit wahr, in einem persönlichen Interview einige Einblicke in sein wechselvolles Leben mit der Musik zu geben.
Der Weg zur Musik
„Ich hatte immer Musik im Kopf und habe als Kind schon Ideen auf Tonband gepfiffen oder gesummt“, berichtet der Künstler. „Als erstes habe ich Klavier gelernt. Bei Vorspielen durfte ich meine eigenen Stücke spielen. Als Jugendlicher inspirierte mich Musik von Dollar Brand bzw. Abdullah Ibrahim und von Keith Jarrett zum Improvisieren. Unterstützung hatte ich auch von einem Freund meines Vaters, Dennis Busby, dem Pianisten und Chef von Dennis‘ Swing Club. Durch meinen Vater, der Congas gespielt hat, war ich mit afrikanischer, karibischer Musik und Jazz vertraut. In meinem Elternhaus fanden Partys statt, bei denen Musikerinnen und Musiker aus Südafrika, Deutschland, Amerika und der Karibik miteinander jammten. Ich habe da manchmal mitgespielt. Auf Reisen hatte ich immer eine Blues Harp dabei. In Hotels, Klavierläden oder Bars fragte ich, ob ich da Klavier spielen kann. Mir war egal, ob da jemand zuhörte.“ Es stellte sich aber mit der Zeit heraus, dass das Finden des richtigen Klaviers zu mühsam war für Wendt. Am Ende entschied er sich, inspiriert durch die bretonische Band Bleizi Ruz, für das Akkordeon.
„Ich wollte in der Lage sein, improvisierende Musik wie von Abdullah Ibrahim oder Keith Jarrett auf dem diatonischen Akkordeon zu spielen, wollte Klezmer, orientalische Skalen und afrikanische Beats darauf spielen können und weitgehend unabhängig von festgelegten Tonarten sein.“
Bei einem Konzert mit Terry Riley und Pauline Oliveros erlebte er das erste Mal, dass Künstler auf diesem Instrument improvisierten. Das machte einigen Eindruck auf ihn. „Das war etwas ganz anderes als die grauenhafte Akkordeonmusik, die ich beim Fahrrad reparieren aus dem Radio hörte“, erinnert er sich. Die Werke von Astor Piazzolla und dessen Pianisten Pablo Ziegler begeisterten ihn ebenfalls. So konzentrierte er sich in Sachen Handzuginstrumente schon frühzeitig nicht nur aufs Akkordeon. Ermutigt durch Alfons Bock von der politischen Straßenmusikband Wilhelmsburger Kurorchester kam er schließlich selbst zum Bandoneonspiel.
Zuerst versuchte er sich an Biermann-Liedern und Eigenkompositionen auf einem gebrauchten Alfred Arnold Bandoneon „mit asthmatischem Balg und leider Tremolo Stimmung“, wie er feststellt. Das diatonische Akkordeon lernte er dann bei Gigi Sapone, der ihm binnen drei Tagen einiges Folkloristisches auf dem Organetto beibrachte. Daraufhin spielte er „ununterbrochen“, wie er sagt, und ergänzt: „Um die Leute im Haus und die Nachbarn nicht zu nerven, ging ich in den Wald und spielte den Vögeln etwas vor.“
Kurz darauf übte er auf einem Akkordeon, welches sogar noch gleich gut klang, nachdem es beim Kentern eines Kanus gewässert worden war. „Es war ein krisenerprobtes Alfred Arnold Instrument“, so Wendt. Sein erstes diatonisches Akkordeon erwarb er schließlich bei einer Gelegenheit für 20 Mark. Um seine damalige WG nicht zu stören, verzog er sich damit allerdings aufs Dach und spielte vom Dachfirst aus. „Die Nachbarinnen und Nachbarn wunderten sich über die Klänge, konnten sie aber nicht lokalisieren“, so der Künstler. Mit diesem ersten diatonischen Akkordeon reiste er mit dem Fahrrad quer durch Deutschland.
Die Suche nach dem richtigen Akkordeon
„Ich war immer noch auf der Suche nach dem idealen Klang, nach einem Instrument, das sowohl volle warme Bässe hatte als auch ein feines minimales Tremolo auf der Diskantseite“, erinnert sich Wendt. „Durch den Vergleich der Instrumente wusste ich inzwischen, dass für mich das diatonische Akkordeon diesem Ideal näher kam als das Bandoneon, das eine feine glatte Stimmung auf beiden Seiten hat und keine kräftigen Bässe. Ich besuchte in der Bretagne einen Freund, Matthias Lorenz, der auch diatonisches Akkordeon spielt. In der Bretagne gibt es eine ganz eigene musikalische Tradition dafür. Bei einem Workshop des Musikers Yann-Fañch Perroches durfte ich teilnehmen. In den Pausen lagen auf langen Tischen die ganzen diatonischen Akkordeons der Spielerinnen. Ich durfte diese Instrumente verschiedener Fabrikate ausprobieren und war begeistert von den diatonischen Akkordeons der Firma Castagnari.“
„In der Zeit ist mir ein musikalisches Thema für den Film eingefallen und ich habe es gemeinsam mit der Cellistin Krischa Weber und dem Geiger Chris Drave eingeübt. Die Regisseurin Doris Dörrie hat es dann sehr gemocht und übernommen.“
Damals war das Kennenlernen neuer Musik bei Weitem nicht so einfach und allgegenwärtig wie heute, es brauchte dafür Reisen, Kontakte und entsprechende Tonträger, etwa Kassetten. Durch solche, die ihm seine Freunden aus Italien und der Bretagne schickten, lernte er die Musik des Akkordeonisten Riccardo Tesi und des Duos mit dem Mandolinen-Spieler Patrick Vaillant kennen und war begeistert von den neuen Mischklängen aus Folk, Jazz, Rock und Ballo Liscio. „Ich versuchte, herauszuhören, welche Stimmung er hatte“, so der Akkordeonist.
Ihm war inzwischen klar, dass es für ihn wohl ein diatonisches Akkordeon der Firma Castagnari sein musste. „Ich verglich diatonische Akkordeons verschiedener Stimmweise, die mir unter die Finger gekommen waren, auf ihre Spielbarkeit nach meinen Ansprüchen hin“, resümiert Wendt. „Ich wollte in der Lage sein, improvisierende Musik wie von Abdullah Ibrahim oder Keith Jarrett auf dem diatonischen Akkordeon zu spielen, wollte Klezmer, orientalische Skalen und afrikanische Beats darauf spielen können und weitgehend unabhängig von festgelegten Tonarten sein.“
Dafür tüftelte er monatelang an Plänen, bevor er sich auf eine besondere Reise begab: „Schließlich war ich soweit und besuchte die Firma Castagnari in Recanati in Italien. Auf dem Fußweg zum Hause der Castagnaris trat ein alter Mann mit einem weißen Spitzbart und Brille auf mich zu und fragte, wohin ich wolle. Als ich ihm verriet, dass ich zu den Castagnaris wollte, pries er ein günstiges Organetto in unvergleichlicher Qualität an – und zeigte mir ein chinesisches Plastik Organetto. Es klang unvergleichlich schrottig. Ich bedankte mich für das freundliche Angebot und sah zu, dass ich wieder rauskam.“ Schon das Haus der Castagnaris war in hellem Holz getäfelt, wie die schönen Instrumente. Sandro Castagnari machte ihm gleich ein gutes Angebot, doch für die Entscheidung ließ sich Wendt trotzdem mehrere Tage Zeit. „Ich probierte alle möglichen Instrumente durch“, berichtet er. „Dann stand mein Plan fest. Ich wollte mir ein Instrument nach eigenem Plan bauen lassen. Das dauerte noch fast ein Jahr.“
Heute spielt Wendt auf zwei verschieden diatonischen Akkordeons von Castagnari und ist „sehr glücklich damit, dass ich immer neue musikalische Horizonte erfahren kann“, sowie auf einem alten Instrument aus den 1920er/1930er-Jahren in Bb/Eb Stimmung, welches sich sehr gut zum Zusammenspiel mit Bläserinnen und Bläsern eignet. „Es hat schöne alte Stimmzungen. Ich habe es am Züri See von einer Straßenhändlerin gekauft und vom Akkordeon Centrum Brusch in Hamburg einen neuen Balg fertigen lassen. Es ist nichts ärgerlicher als ein Instrument mit undichtem Balg.“ Zu Wendts über die Jahre entstandenen Ensembles zählen heute Duos, Trios, die UKW Band und die etwa 20-köpfige LolaBand, bei der ganz unterschiedliche musikalische Stile aus aller Welt aufeinandertreffen. Manchmal spielt er Soloauftritte.
Vom Theater zum Film
Die ersten Auftritte im Theater wurden dem Künstler aus seinem näheren Umfeld zugespielt. Ein Freund, Stefan Goreiski, der chromatisches Akkordeon spielt, bat ihn darum, ihn bei den ersten Proben für ein Theaterstück am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu ersetzen. Obwohl er gerade erst an der Schwelle zum Profi war, sprang er ein. Die für ihn ungewohnten Aufgabe sorgte zunächst für einige Unruhe. „Vorher ging ich in ein Café gegenüber, trank einen Tee und schloss mit meinem Leben ab“, resümiert er. „Ich wurde auf einen Steg parallel zur Bühne geschoben. Im Publikumsraum saß der Regisseur Wilfried Minks, der außerdem ein bekannter Bühnenbildner war und rief: „Spiel! Spiel!“ – „Ja was denn?“ Aus den Lautsprechern donnerte Musik der (avantgardistischen österreichischen – Anm. d. Autorin) Volksmusik-Band Attwenger, mit chromatischem Akkordeon und Schlagzeug, mit enormem Druck. Dazu sollte ich spielen.“
„Stummfilm ist wie öffentliches Träumen. Ich begleite mit Kolleginnen und Kollegen den Film und versinke darin. Der Film ist meine Partitur.“
Der erste Versuch überzeugte noch nicht, die Musik sollte wesentlich lauter sein. Wendt bat, um das zu erreichen, um einen Kollegen am Schlagzeug. Die Verantwortlichen ließen sich darauf ein und so lernte er den Hausschlagzeuger Yogi Jockusch kennen, mit dem er bis heute live in allen möglichen Konstellationen und im Studio für Soundtracks zusammenarbeitet. „Das war eine sehr symbiotische Zusammenarbeit“, so der Akkordeonist. „Ich liebte die Kolleginnen und Kollegen dort und das Spiel auf der großen Bühne. Jahre später war ich unter einer anderen Intendanz wieder dort. Ich spürte wieder, wie mir durch die Bühne Kraft zuwächst.“ Wilfried Minks bezeichnete ihn als einen Komödianten. Aufträge für Bühnenmusiken am Hamburger Thalia Theater und für das Berliner Grips Theater folgten, an die sich der vielseitig Künstler gern erinnert: „Jedesmal habe ich sehr genossen, dort in fantastischen Ensembles im Team zu arbeiten und ad hoc Musiken zu entwickeln.“
Die Zusammenarbeit mit Filmregisseurinnen und Filmregisseuren, die mit den Jahren ebenfalls hinzukam, empfindet er als sehr unterschiedlich: „Zuletzt habe ich als Musiker im Bild in dem Film Frau Winkler verlässt das Haus gearbeitet. Eigentlich waren nur drei Musikerinnen und Musiker gesucht, die in Insektenkostümen im Hintergrund spielten. Dann hatten wir wegen einer Krankheit einer Schauspielerin einen Ausfalltag. In der Zeit ist mir ein musikalisches Thema für den Film eingefallen und ich habe es gemeinsam mit der Cellistin Krischa Weber und dem Geiger Chris Drave eingeübt. Die Regisseurin Doris Dörrie hat es dann sehr gemocht und übernommen.“
Foto: Rafi Barekzai
Seine Musik ist ab und an ebenfalls in Fernseh- oder Streamingserien zu hören. Die komponiert er in der Regel schon, bevor die Serie gedreht wird. „In der Zusammenarbeit mit Oskar Belton, Emil Belton und Bruno Alexander, für die ich die Filmmusik für Die Discounter (Prime Video), Intimate (ProSieben / Joyn) und Friesenjunkies (ARD) geschrieben habe, komponiere ich die Musik, bekomme Wünsche an die Musik, musikalische Referenzstücke und die Drehbücher. Oft sind die Regisseure zu Beginn der Aufnahmen im Studio dabei und formulieren im Aufnahmeraum Wünsche an die Musikerinnen und Musiker. Ich arbeite mit großartigen Musikerinnen und Musikern aus der Hamburger und Berliner Jazzszene, die meine Kompositionen und spontane Ideen sehr gut und kreativ umsetzen können.“
Als eine völlig andere Welt und ein eigenes Genre beschreibt er dagegen die Stummfilmmusik, die ihn immer wieder in die Anfangszeit des Mediums Film führt: „Stummfilm ist wie öffentliches Träumen. Ich begleite mit Kolleginnen und Kollegen den Film und versinke darin. Der Film ist meine Partitur. Natürlich begleiten wir das sehr gründlich und zeitaufwendig vor, sehen den Film und spielen mit dem Film viele Male, entwickeln gemeinsam Kompositionen dazu und teilen auf, wer wo führt, wo wir uns eher an feste Stücke halten und wo wir frei improvisieren. Wir schreiben das auch auf. Dann versinken wir im Dunkeln des Kinos und fliegen durch den Film, egal ob es ein Dokumentar- oder ein Spielfilm ist.“
Wendt ist als Musiker bekannt und gefragt, er hält viele Kooperationen gleichzeitig lebendig. „Immer wieder kommen unvermutet tolle neue Projekte zu mir. Ich freue mich über neue Spielorte mit meinem Sextett, der UKW Band, mit denen wir eigene Stücke auf eine sehr lebendige Art spielen. Im Moment bereiten wir unser neues Album vor. Das soll sowohl online als auch auf Vinyl erscheinen. Dann freue ich mich gerade über zwei sehr unterschiedliche Stummfilme, zu denen Anne Wiemann und ich Musik entwickeln. Deutschland zwischen gestern und heute von Gertrud und Wilfried Basse im Metropolis Kino Hamburg und Die Kleine vom Varieté, ein toller burlesquer Spielfilm zum Roten Flora Jubiläum. Über neue Filmmusiken freue ich mich immer. Und ich hätte wieder Lust, eine Theatermusik zu entwickeln.“
Website: https://ulrichwendt.de/








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